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«Die psychologische Unterstützung wird jetzt sehr wichtig.»

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Gespräch mit Professor Marcel Salathé über die Coronakrise, Freiwilligenarbeit und Verhaltenstipps.

 

Professor Marcel Salathé ist Epidemiologe an der ETH Lausanne (EPFL). Er leitet das Digital Epidemiology Lab und twittert regelmässig über die aktuelle Coronakrise. Wir konnten Ihm via Email einige Fragen stellen.

Geht es noch 4 oder 6 Wochen bis wir das Gröbste überstandenen haben?

Marcel Salathé: Wenn diese Massnahmen reichen, um die Übertragungen abzubremsen, dann können wir in einigen Wochen die Massnahmen wieder etwas lockern. Aber ich denke, wir müssen uns so oder so darauf einstellen, dass es auch weiterhin eine spezielle Zeit sein wird, bis ein Impfstoff kommt, oder Medikamente, die die kritischen Krankheitsbilder abschwächen können. Das könnte mehrere Monate gehen.

Das klingt nach einer langen Zeit im Ausnahmezustand.

Wenn die Strassen leer werden und mehr und mehr Menschen in Schutzanzügen herumlaufen, dann darf man nicht vergessen: Das ist ein Zeichen, dass jetzt die Situation besser werden wird – auch wenn es in dem Moment etwas bedrohlich aussieht. Es braucht dann einfach einige Zeit, bis die Fallzahlen runtergehen. Wenn sie dann genügend heruntergegangen sind, dann kann man wieder zu mehr Normalität finden.

Wie schätzen sie die Bedeutung von zivilgesellschaftlichem Engagement ein?
 

Ich schätze das sehr hoch ein. Ich denke, diese Krise zeigt uns, dass das staatliche Engagement sehr schnell an seine Grenze stossen kann. Dann ist es sehr wichtig, dass die Zivilgesellschaft sich engagiert.

Welche Aufgaben könnten Freiwillige ihrer Meinung nach übernehmen?

Sich gegenseitig zu helfen ist sicher die wichtigste Aufgabe. Was das konkret bedeutet, hängt immer sehr von der zeitlichen und lokalen Situation an. Da muss man sich laufend anpassen. Es ist deshalb wichtig, dass man viel zusammen kommuniziert. Wer braucht was, wer kann was machen? Die psychologische Unterstützung wird auch sehr wichtig sein. Zusammen reden und Erfahrungen austauschen – wissen, dass man sich auf andere verlassen kann. Dass alle in der gleichen Situation sind. Zugeben, dass die Situation stressig ist. Mut zusprechen, dass wir das zusammen schaffen, und dass auch das vorbei gehen wird.

Was müssen Freiwillige beachten, um wirkungsvoll und sicher zu helfen?

Das Wichtigste ist, nichts zu machen, was der Verbreitung des Virus helfen könnte. Völlig falsch wäre es, falsche Stärke beweisen zu wollen. Beispielsweise zu sagen, «ich fühle mich zwar krank, aber ich gehe jetzt trotzdem zum Herr Müller, um ihm zu helfen», wäre total kontraproduktiv. Zu Hause bleiben bei den kleinsten Anzeichen ist keine Schwäche, im Gegenteil: Es ist das Vernünftigste, was man machen kann.

Falls es weitere Verschärfungen gibt: Ist das freiwillige Engagement weiter möglich?

Ja, aber das Engagement verlagert sich auf digitale Medien. Man kann über das Internet anderen helfen, z.B. mit online Kaffee-Gesprächen. Social distancing sollte man eher als physical distancing verstehen. Abstand halten. Aber sozial sein ist wichtig. Deshalb so oft wie möglich digitale Kanäle nutzen!

Haben Sie noch eine Botschaft an die Freiwilligen von Hilf-Jetzt?

Ihr seid grossartig! Denkt vor allem auch an das Gesundheitspersonal. Es wird jetzt an der Front sein und unter den schwierigsten Bedingungen. Und denkt auch daran: die Zeit wird stressig, Menschen werden sehr emotional werden. Bitte nicht persönlich nehmen! Es ist ganz wichtig, immer wieder Ruhe in die aufgeladenen Situationen hineinzubringen.

Interview: Daniel Graf

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