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Diese Hilfe nehme ich sehr gerne an!

Wegen einer Lungenkrankheit wurde Marlis Covini im Februar operiert. Als Risikopatientin war sie in der Corona-Krise plötzlich auf die Unterstützung von Fremden angewiesen. Als ehemalige Spitex-Mitarbeiterin weiss sie: Hilfe anzunehmen, fällt nicht allen so leicht wie ihr.

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Gesund und munter klingt Marlis Covini am Telefon. „Ich fühle mich super“, sagt die bald 70-jährige und lacht. Dabei hatte sie erst im Februar eine Lungenoperation hinter sich. Drei Wochen war sie in der Reha in der Höhenklinik Wolfgang bei Davos. Dann kam das Corona-Virus – und auf einmal war Covini Risikopatientin. „Ich und mein Mann durften nicht mehr unter die Menschen, das war mir gleich klar“, sagt sie. 

Marlis Covini stammt aus Zürich, mit ihrem Mann lebt sie seit sieben Jahren im Dörfchen Saas im Prättigau. Den Einkauf erledigt sie normalerweise im Nachbarsdorf Küblis. Doch das Risiko einer Ansteckung war ihr selbst hier, auf dem Land, zu groß. Sie brauchte Hilfe. Noch in der Rehaklinik las sie auf der Website der Gemeinde Klosters-Serneus von der Hilfegruppe „Klosters solidarisch“. Sie meldete sich an. Seither kauft ein junger Mann aus dem Ort zwei Mal wöchentlich für das Ehepaar ein. 

Die Probleme mit der Lunge, sagt Marlis Covini, seien Teil ihrer Familie. Mütterlicherseits hätte jeder zweite Asthma, und auch in Vaters Familie gäbe es einige Fälle mit Lungenkrankheiten. „Jetzt habe leider auch ich das Bouquet bekommen“, sagt sie. 

Vor sechs Jahren fiel ihr das Atmen immer schwerer, beim Treppensteigen oder beim Wandern. Zudem war sie ständig müde. Irgendetwas stimmte nicht. Abklärungen beim Arzt zeigten: Covinis Lunge hatte bloss noch eine Kapazität von 30 Prozent. Sie leidet an der chronischen obstruktiven Lungenerkrankung, kurz COPD. Dabei sind die Atemwege dauerhaft verengt und entzündet, das Lungengewebe stirbt ab, Atemnot ist die Folge.

Im Juni vergangenen Jahres liess sie sich ein erstes Mal operieren, um das tote Gewebe aus der Lunge zu schaffen. Zuerst am linken Lungenflügel, im Februar am rechten. Heute hat ihre Lunge wieder eine Kapazität von über 50 Prozent. Es gehe ihr „tiptop“ sagt sie. „Und dass ich auf 1000 Meter über Meer lebe, ist für mich ein Glücksfall.“ Die Höhe und die frische Luft sind ideal für Lungenkranke.

Ein Glücksfall war auch die Hilfe von „Klosters solidarisch“. Selber einzukaufen, daran war in den vergangenen Wochen nicht zu denken. Seit der Operation hatte Marlis Covini praktisch keinen sozialen Kontakt, „nur aus der Ferne habe ich Bekannten zugewinkt“, sagt sie. Erst langsam traue sie sich wieder ins Dorf. 

Dass sie auf fremde Hilfe angewiesen war, damit hatte sie hingegen keine Mühe. „Ich nehme sie sehr gerne an“, Dabei fällt es älteren Menschen sonst oft schwer, sich auf die Hilfe von Fremden einzulassen. Das weiss Covini aus eigener Erfahrung: Während mehrerer Jahre arbeitete die gelernte Coiffeuse für die Spitex. Oft begegnete sie Menschen, die zwar dringend Hilfe gebraucht hätten, sich aber zunächst dagegen sträubten. „Weil sie niemandem zur Last fallen und lieber alles alleine regeln wollten“, sagt sie.

Durch gutes Zureden und viel seelische Wärme konnte Covini die Menschen oft für das Hilfsangebot gewinnen. „Viele konnten es am Ende dann kaum erwarten, dass ich sie besuche.“ Hilfe anzunehmen, braucht manchmal einfach ein wenig Überzeugung. Covini findet daher: „Jeder darf und soll Hilfe annehmen, auch wenn man dafür über seinen Schatten springen muss.“ Man solle es einfach ausprobieren. Dann merke man, dass dies für die helfende Person gar keine schwere Bürde sei. 

Dass sich gerade die junge Generation derzeit so solidarisch zeige, hat Covini indes nicht überrascht: „Ich wusste, dass die toll sind.“ Gerne möchte sie sich für die Hilfe revanchieren. „Ich hoffe, dass wir den Helfern bald ein schönes Abendessen spendieren können.“ Denn darum gehe es letztlich in diesen Zeiten, sagt sie: um das Miteinander.

Text: Adrian Meyer

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