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Kiss Zug: Spontane Hilfe trifft auf gewachsene Strukturen
 

Edith Stocker arbeitete schon in den 90er-Jahren an einem Konzept für Nachbarschaftshilfe, sie ist Mitgründerin der Kiss-Nachbarschaftshilfe und leitet deren lokalen Ableger in der Stadt Zug. Die Corona-Krise habe verdeutlicht, wie gross das Bedürfnis nach solch einem Angebot sei.

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Das, was in der gesamten Schweiz in Windeseile aus dem Nichts an Nachbarschaftshilfe entsteht, beschäftigt Edith Stocker bereits seit Jahrzehnten: Wie kann man in einer alternden Gesellschaft solidarisch sein und gefährdete Personen in ihrem Alltag unterstützen? Schon in den 90er-Jahren arbeitete Stocker mit drei anderen Frauen an einem Konzept für eine «vierte, geldfreie Vorsorgesäule». Damals sei man noch zu früh gewesen mit der Idee. Erst in den vergangenen Jahren zeigte sich ein allmählicher Notstand: dass mit der zunehmenden Überalterung viele ältere Senioren vereinzeln und sich selbst überlassen sind – ohne dass sie auf Hilfe im Alltag zurückgreifen können.

Vor einigen Jahren war die Zeit für die Idee reif. Edith Stocker ist Mitgründerin der Kiss-Nachbarschaftshilfe. Kiss steht für «keep it small and simple». Ausgehend von einem Pilotprojekt in Obwalden etablierten sich bisher 12 Kiss-Genossenschaften in der Deutschschweiz, doppelt so viele befinden sich im Aufbau. Seit 2016 existiert die Kiss-Fondation als Dachorganisation.

Freiwillige unterstützen dabei Menschen in allen Lebenslagen, erledigen alltägliche Dienstleistungen, hören zu, gehen spazieren, führen den Hund aus. In Tandems finden die Gebenden und Nehmenden zusammen. Entschädigt wird die Hilfeleistung mit sogenannten «Zeitgutscheinen». Wer Zeit für jemand anderen aufwendet, soll diese auch zurückbekommen, falls man selber Hilfe benötigt. Das ist die Idee hinter der Kiss-Nachbarschaftshilfe: dass Zeit wertvoll ist.

Die bald 65-jährige Edith Stocker ist selbstständige Beraterin für Organisationsentwicklung und Projektmanagement. Bei Kiss organisiert die das Team für die Stadt Zug, führt im Hintergrund Regie. Normalerweise dauert es, bis Gebende und Nehmende zusammen finden, sagt sie. Es gibt eine Einführung, Kennenlerngespräche, man muss in die Genossenschaft eintreten. «Wir arbeiten langfristig, die Hilfe wird dabei immer von uns moderiert.»

In der Stadt Zug hat die lokale KISS-Genossenschaft 250 Mitglieder. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie wird die in Windeseile von der SOVOKO, der Konferenz aller Sozialvorstehenden der Zuger Gemeinden, geschaffenen Koordinationsstelle von Anfragen von freiwilligen Helfern überschwemmt. Allein in der Stadt Zug haben sich rund 200 zusätzliche Gebende sowie 50 Nehmende gemeldet. Diese Woche schickte der Regierungsrat zudem ein Flugblatt an alle Haushalte im Kanton Zug, um über das Angebot der Kantonalen Anlaufstelle zu informieren. Die Zahlen dürften also weiter steigen. «Dass wir jetzt im Kanton Zug auf gewachsene Strukturen und insbesondere auf eine von KISS in Auftrag gegebene Software zum Zusammenführen von Gebenden und Nehmenden zurückgreifen können, ist für uns ein Glücksfall», sagt Stocker.

Die meisten Anfragen laufen momentan über die kantonale Koordinationsstelle, welche die Hilfe mit den Verantwortlichen in den einzelnen Gemeinden organisiert. In Cham und in der Stadt Zug unter der Regie der beiden KISS-Genossenschaften. Und erfreulicherweise läuft ganz vieles selbstorganisiert - im Haus, in der Nachbarschaft, in der Verwandtschaft, durch Vereine, durch die Pfadi und viele weitere Organisationen. «Dass das sogar in der ansonsten eher anonym funktionierenden Stadt gut funktioniert, hat mich positiv überrascht«, freut sich Edith Stocker.

Die Krise zeigt das Bedürfnis nach Nachbarschaftshilfe deutlich. «Ich hoffe nun, dass auch seitens der Politik die Notwendigkeit solcher Strukturen gesehen wird», sagt Stocker. Denn finanziert wurde Kiss bisher hauptsächlich über den Lotteriefonds und Stiftungen. Man brauche aber bald neue Mittel, um auf festen Füssen stehen zu können.

Text: Adrian Meyer

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