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Zuhören: die beste Medizin gegen die Einsamkeit

 

Die 73-jährige Maya Gaus hat in der Corona-Krise kaum persönlichen Kontakt mit anderen Menschen. Dank der Begegnung mit der 38-jährigen Helferin Nicole Eckenstein fasste sie neue Kraft. Nun ist jemand da, der ihr zuhört.

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Es sind die kleinen Gesten, die in Zeiten der Corona-Pandemie Grosses bewirken. Mal braucht es nur jemanden, der zuhört, um neue Hoffnung und Kraft zu schöpfen. Diese Erfahrungen machten Nicole Eckenstein aus Wohlen im Kanton Aargau und Maya Gaus aus dem Nachbarsdorf Waltenschwil. Einmal in der Woche bringt die 38-jährige Eckenstein den Einkauf vor die Haustüre der 73-jährigen Gaus. Sie halten dann einen Schwatz im Treppenhaus, mal kurz, mal dauert er eine Stunde. Manchmal bringt Eckenstein ihre zwei- und fünfjährigen Kinder mit, dann treffen sie sich auf einem Spielplatz. 

Für Gaus ist die Begegnung in diesen Wochen einer der seltenen Momente, in denen sie andere Menschen persönlich trifft. Sowieso ist sie seit Längerem auf sich allein gestellt und hat sich aus gesundheitlichen Gründen immer mehr zurückgezogen. Ihre Kinder und Enkel wohnen im Norden Deutschlands. Eine ihrer besten Freundinnen ist vor Kurzem verstorben. „Und dann kommt noch diese Coronakrise.“ 

Ein Weg aus der Einsamkeit

Schon vorher habe sie wenig Besuch daheim gehabt. Andere Menschen traf sie immerhin draussen oder beim Einkaufen. „Dass ich mich zurückgezogen habe, liegt auch an mir“, sagt sie. Sie habe ihre Bedürfnisse zu sehr vernachlässigt und sich nicht getraut, andere um Hilfe zu bitten. 

Nun ist da auf einmal eine Person, die ihr zuhört, die Fragen stellt und ihr eine seelische Stütze bietet. Die liebe Frau Eckenstein spüre immer, wie es ihr gehe, sagt Gaus. „Sie hat eine grosse Herzlichkeit, das ist wunderbar.“ Dank der wöchentlichen Besuche hat sie auf einmal wieder Kraft und Zuversicht bekommen, sie schmiedet sogar wieder Pläne. „Das ist etwas völlig Neues für mich, das sich jetzt jemand um mich sorgt“, sagt sie, „sonst habe ich mich immer um andere gekümmert.“

Der Gesellschaft etwas zurückgeben

Für Nicole Eckenstein sind die Begegnungen mit Frau Gaus und die Hilfe beim Einkaufen eine Möglichkeit, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. „Wer weiss, vielleicht brauche ich auch einmal Hilfe, um die ich froh bin“, sagt sie. Den Gedanken, anderen zu helfen, hatte sie länger. Sie habe in den letzten Jahren realisiert, was für ein gutes Leben sie führt. Die Corona-Krise war der Moment, die Idee in die Tat umzusetzen. Auf Facebook ist sie auf die Gruppe „Hilf jetzt Wohlen“ gestossen und bot spontan ihre Unterstützung an. Eckenstein ist Briefträgerin, auch Gaus' Wohnort Waltenschwil ist auf ihrer Route. Es passte daher ideal, für sie einzukaufen. „Sie kann den Postizettel einfach in ihren Briefkasten legen.“

Maya Gaus zu helfen, gibt Nicole Eckenstein eine tiefe innerliche Befriedigung. „Es ist schön, zu geben und nicht nur zu nehmen“, sagt sie. Sie merke, wie es Gaus Kraft gebe, wenn sie vorbeikommt. „Sie brauchte einfach jemanden, der ihr zuhört, das spürte ich sofort.“ Vor allem wenn sie die Kinder dabei hat, sei das ein wunderbarer Moment. „Sie hat schon fast ein grossmütterliches Verhältnis zu den Kleinen.“ 

Schon jetzt ist für Eckenstein klar: Wenn die Corona-Krise vorbei sein sollte, wird sie sich weiter mit Frau Gaus treffen. „Sie kann sich immer bei mir melden.“ Denn in den vergangenen Wochen sei ihr klar geworden, was im Leben wirklich zählt. Es sind eben nicht materielle Dinge. „Sondern für jemanden da zu sein. Und sei es auch nur, um zuzuhören.

Text: Adrian Meyer

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